Wireframe erstellen: Anleitung, Tools und Beispiele

Bevor ein Pixel gesetzt wird, bevor Farben, Schriften oder Bilder ins Spiel kommen, steht eine Frage im Raum: Was soll wohin? Genau das beantwortet ein Wireframe — der strukturelle Bauplan deiner Website oder App.

Ein Wireframe zwingt dich, über Inhalte und Benutzerführung nachzudenken, bevor das visuelle Design ablenkt. Das klingt simpel, ist aber einer der wirkungsvollsten Schritte im gesamten UI/UX Design-Prozess.

In diesem Leitfaden erfährst du, was ein Wireframe ist, wie du einen erstellst, welche Tools sich eignen und wann ein Wireframe die richtige Wahl ist — und wann du besser zum Prototype greifst.

💡 Das Wichtigste vorab: Ein Wireframe ist kein Design — er zeigt Struktur, Hierarchie und Benutzerführung. Je einfacher er gehalten ist, desto besser erfüllt er seinen Zweck: Klarheit schaffen, bevor Aufwand entsteht.

Was ist ein Wireframe?

Ein Wireframe ist eine schematische Darstellung einer Seite oder eines Screens. Er zeigt, welche Elemente wo platziert werden — ohne sich mit dem visuellen Design zu beschäftigen. Typisch sind graue Kästen, Platzhalter-Texte und einfache Linien.

Stell dir den Grundriss einer Wohnung vor: Du siehst, wo das Bad ist und wo die Küche — aber nicht, welche Fliesen verlegt werden. Genauso funktioniert ein Wireframe für digitale Produkte.

Wireframe vs. Mockup vs. Prototype

Diese drei Begriffe werden oft durcheinander geworfen. Die Unterschiede sind klar:

WireframeMockupPrototype
DetailgradStruktur & LayoutVisuelles DesignInteraktives Modell
Interaktiv?Nein (statisch)Nein (statisch)Ja (klickbar)
ZeigtWas wohin gehörtWie es aussiehtWie es sich anfühlt
ZeitaufwandMinuten bis StundenStunden bis TageStunden bis Wochen
Typisches ToolBalsamiq, PapierFigma, SketchFigma, Framer

In der Praxis ist die Reihenfolge: Wireframe → Mockup → Prototype. Wobei Mockup und Prototype in modernen Tools wie Figma oft verschmelzen — du gestaltest das Design und machst es gleichzeitig klickbar.

Warum Wireframes erstellen?

Struktur vor Ästhetik

Der häufigste Fehler bei Webdesign-Projekten: Man springt direkt ins visuelle Design. Das Ergebnis sieht hübsch aus, aber die Inhaltsstruktur stimmt nicht. Wireframes verhindern das, weil sie den Fokus auf das Wesentliche lenken — die Informationsarchitektur.

Schnelle Abstimmung

Wireframes sind günstig zu ändern. Ein Kunde sagt „der Call-to-Action sollte weiter oben stehen“? In einem Wireframe ist das in Sekunden erledigt. In einem fertigen Design dauert es deutlich länger — und in einer entwickelten Website erst recht.

Gemeinsame Sprache

Wireframes machen abstrakte Konzepte greifbar. Statt zu diskutieren, ob „der Hero-Bereich prominent genug ist“, zeigst du es einfach. Das reduziert Missverständnisse zwischen Auftraggeber, Designer und Entwickler enorm.

Inhaltliche Lücken aufdecken

Wenn du einen Wireframe erstellst, merkst du schnell: Welche Texte fehlen noch? Welche Bilder werden gebraucht? Wo ist die Nutzerführung unklar? Besser, das jetzt zu entdecken als wenn die Website schon in der Entwicklung ist.

Wireframe erstellen: Schritt für Schritt

1. Ziele und Zielgruppe klären

Bevor du den ersten Kasten zeichnest: Für wen ist die Seite, und was soll der Besucher tun? Eine Landing Page für ein SaaS-Produkt hat völlig andere Anforderungen als ein Onlineshop oder ein internes Dashboard.

Fragen, die du beantworten solltest:

  • Was ist das primäre Ziel der Seite? (Kontaktanfrage, Kauf, Information)
  • Wer sind die Nutzer und was erwarten sie?
  • Welche Inhalte müssen auf die Seite?
  • Wie kommt der Nutzer hierher und wo soll er danach hin?

2. Seitenstruktur skizzieren

Beginne mit den groben Bereichen. Jede Seite hat typischerweise:

  • Header — Logo, Navigation, ggf. CTA
  • Hero-Bereich — Hauptbotschaft, primäre Handlungsaufforderung
  • Content-Bereiche — aufgeteilt in logische Sektionen
  • Social Proof — Referenzen, Testimonials, Logos
  • Footer — Links, Kontaktdaten, rechtliches

Zeichne diese Bereiche als grobe Blöcke auf — auf Papier oder direkt im Tool. Noch keine Details, nur die Reihenfolge und Gewichtung.

3. Elemente platzieren

Jetzt füllst du die Blöcke mit konkreten Elementen:

  • Überschriften (als Textblöcke, nicht als finale Texte)
  • Platzhalter für Bilder und Videos
  • Buttons und Links
  • Formularfelder
  • Listen und Tabellen
👉 Praxis-Tipp: Nutze echte Überschriften statt „Lorem ipsum“. Du musst nicht den finalen Text haben, aber die inhaltliche Aussage sollte erkennbar sein. „Unsere Wartungspakete im Überblick“ ist deutlich hilfreicher als „Headline H2“.

4. Navigation und Verlinkung definieren

Wo führen die Links hin? Wie kommt der Nutzer von der Startseite zur Unterseite? Wie zurück? Bei komplexeren Projekten lohnt sich eine Sitemap als Ergänzung zum Wireframe — sie zeigt die Gesamtstruktur aller Seiten und deren Verknüpfungen.

Denke dabei mobile first: Wie funktioniert die Navigation auf dem Smartphone? Welche Elemente werden in einem Hamburger-Menü versteckt? Was bleibt sichtbar?

5. Annotieren

Ein guter Wireframe braucht Notizen. Nicht jede Entscheidung ist aus der Zeichnung heraus verständlich. Typische Annotationen:

  • „Dieser Bereich scrollt horizontal auf Mobile“
  • „Button öffnet ein Modal mit dem Kontaktformular“
  • „Inhalt wird dynamisch aus dem CMS geladen“
  • „Sticky Header ab Scroll-Position 200px“

Diese Notizen sind Gold wert für Entwickler, die den Wireframe später in Code übersetzen.

6. Feedback einholen und iterieren

Zeig den Wireframe möglichst früh — dem Kunden, dem Team, den Entwicklern. Je früher Feedback kommt, desto billiger sind Änderungen. Ein Website Redesign wird dramatisch günstiger, wenn die Struktur vor dem Design steht.

Wireframe-Typen: Von Papier bis Pixel

Paper Wireframes

Die schnellste Methode: Stift und Papier. Ideal für Workshops, Brainstormings oder wenn du alleine am Konzept arbeitest.

Vorteile: Kein Tool nötig, extrem schnell, niedrige Hemmschwelle (jeder kann Kästen zeichnen).
Nachteile: Schwer zu teilen, nicht skalierbar, keine digitale Archivierung.

Digitale Low-Fidelity Wireframes

Graue Kästen, Platzhalter, keine Farben. Erstellt in Tools wie Balsamiq oder als einfache Figma-Frames. Sehen bewusst „unfertig“ aus, damit niemand über Farben diskutiert statt über Struktur.

Digitale Mid-Fidelity Wireframes

Etwas detaillierter: Typografie-Hierarchie erkennbar, echte Inhalte teilweise eingesetzt, Abstände definiert. Der Sweet Spot für die meisten Projekte — genug Detail für fundierte Entscheidungen, aber schnell genug für Iterationen.

Wireframe-Tools im Vergleich

Figma

Figma ist nicht nur ein Design-Tool — es eignet sich hervorragend für Wireframes. Die Kombination aus Wireframe, Design und Prototype in einem Tool macht Figma zum Allrounder.

  • Stärken: Kostenlose Version, Echtzeit-Kollaboration, Community-Templates für Wireframes, nahtloser Übergang zum Design
  • Ideal für: Teams, die vom Wireframe bis zum fertigen Design in einem Tool bleiben wollen

Balsamiq

Balsamiq wurde speziell für Wireframes gebaut. Der absichtlich skizzenhafte Stil verhindert, dass Gespräche zu früh ins visuelle Design abdriften.

  • Stärken: Extrem schnell, riesige UI-Bibliothek, flache Lernkurve
  • Ideal für: Schnelle Konzepte, nicht-Designer, Stakeholder-Workshops

Miro / FigJam

Miro und FigJam sind Whiteboard-Tools, in denen du kollaborativ Wireframes skizzieren kannst. Weniger präzise als Figma oder Balsamiq, aber ideal für die allererste Konzeptphase im Team.

  • Stärken: Echtzeit-Zusammenarbeit, Sticky Notes und Voting, ideal für Remote-Workshops
  • Ideal für: Frühe Ideenfindung, Team-Workshops, Stakeholder-Alignment

Sketch

Sketch war vor Figma der Standard. Heute primär für macOS-basierte Teams relevant. Gute Wireframe-Fähigkeiten, aber durch Figmas Browser-Ansatz ins Hintertreffen geraten.

  • Stärken: Robustes Design-Tool, Offline-Nutzung, Plugin-Ökosystem
  • Ideal für: Mac-basierte Design-Teams

Vergleichstabelle

ToolFokusKollaborationLernkurvePreis (ab)
FigmaAllrounderEchtzeit, BrowserMittelKostenlos
BalsamiqWireframesCloud oder DesktopNiedrigab $9/Mo
MiroWhiteboardEchtzeit, BrowserNiedrigKostenlos
FigJamWhiteboardEchtzeit, BrowserNiedrigKostenlos
SketchDesignCloud-SyncMittelab $10/Mo

Wireframes in der Praxis: Wie wir bei Graphek arbeiten

Bei Graphek starten wir praktisch jedes Projekt mit Wireframes — ob Corporate Website, Web-App oder Onlineshop.

Unser Prozess:

  1. Kick-off Workshop: Wir klären Ziele, Zielgruppe und Inhalte. Oft skizzieren wir hier schon erste Paper Wireframes gemeinsam mit dem Kunden.
  2. Digitale Wireframes in Figma: Basierend auf dem Workshop erstellen wir Mid-Fidelity Wireframes. Jede Seite, jeder wichtige Flow.
  3. Annotationen: Wir ergänzen Notizen zu Verhalten, technischen Anforderungen und Content-Abhängigkeiten — damit die Entwickler später keine Rätsel lösen müssen.
  4. Review mit dem Kunden: Der Kunde prüft die Struktur und gibt Feedback. Änderungen kosten hier Minuten, nicht Stunden.
  5. Freigabe → Design: Erst wenn die Wireframes stehen, starten wir mit dem visuellen UI/UX Design. Das spart enorm viel Nacharbeit.

Dieser Prozess ist besonders bei einem Website Relaunch wertvoll: Statt die alte Seite einfach „hübscher“ zu machen, hinterfragen wir mit Wireframes die gesamte Struktur.

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Häufige Fehler beim Wireframing

Zu viel Detail zu früh

Wenn dein Wireframe eine bestimmte Schriftart und Farben hat, ist es kein Wireframe mehr — es ist ein Mockup. Halte Wireframes bewusst grob, damit die Diskussion bei der Struktur bleibt.

Keine echten Inhalte

„Lorem ipsum dolor sit amet“ hilft niemandem. Nutze zumindest realistische Überschriften und ungefähre Textlängen. Nur so erkennst du, ob die Struktur mit echten Inhalten funktioniert.

Den Wireframe als fertig betrachten

Ein Wireframe ist ein Arbeitsdokument, kein Deliverable. Er darf und soll sich ändern — das ist sein Zweck. Wer den Wireframe nach der ersten Version einfriert, verschenkt seinen größten Vorteil.

Mobile vergessen

Mehr als die Hälfte aller Website-Besucher kommen über Smartphones. Ein Wireframe, der nur die Desktop-Ansicht zeigt, erzählt nur die halbe Geschichte. Mobile First gilt auch beim Wireframing.

Wann brauchst du einen Wireframe — und wann nicht?

Wireframe sinnvoll bei:

  • Neuen Websites — besonders wenn die Inhaltsstruktur noch unklar ist
  • Relaunches — wenn die bestehende Struktur überarbeitet werden soll
  • Komplexen AnwendungenIndividualsoftware, Dashboards, Multi-Step-Formulare
  • Mehreren Stakeholdern — wenn viele Meinungen koordiniert werden müssen
  • Unklaren Anforderungen — Wireframes machen das Unsichtbare sichtbar

Wireframe optional bei:

  • Einfachen Seiten — ein Onepager mit klarer Struktur braucht selten ein Wireframe
  • Template-basierten Projekten — wenn die Struktur durch das Template vorgegeben ist
  • Iterativen Änderungen — kleine Updates an bestehenden Seiten

Direkt zum Prototype springen bei:

  • Klar definierter Struktur — wenn alle wissen, was wohin gehört
  • Interaktions-lastigen Flows — wenn das „Wie fühlt es sich an“ wichtiger ist als „Was steht wo“
  • Validierung mit Nutzern — Wireframes eignen sich schlecht für Usability Tests, weil sie zu abstrakt sind

Fazit: Wireframes sind die günstigste Versicherung

Ein Wireframe kostet Minuten bis Stunden — und spart Tage bis Wochen in Design und Entwicklung. Er zwingt dich, die richtigen Fragen zu stellen, bevor es teuer wird: Stimmt die Struktur? Führt die Navigation den Nutzer zum Ziel? Sind alle Inhalte bedacht?

Ob du eine Website erstellen lässt oder ein bestehendes Produkt überarbeitest — überspringe das Wireframing nicht. Es ist der Schritt, der alles danach besser macht.

FAQ

01

Was ist ein Wireframe einfach erklärt?

Ein Wireframe ist ein schematischer Entwurf einer Website oder App. Er zeigt die Anordnung von Elementen wie Navigation, Texten, Bildern und Buttons — ohne Farben, Schriften oder visuelles Design. Vergleichbar mit dem Grundriss eines Gebäudes.

02

Was kostet es, Wireframes erstellen zu lassen?

Das hängt stark vom Umfang ab. Wireframes für eine 5-Seiten-Website sind in einem halben Tag machbar. Eine komplexe Web-Applikation mit vielen Flows kann mehrere Tage dauern. In Relation zu den Gesamtkosten einer Website ist Wireframing immer ein geringer Anteil — der sich durch vermiedene Nacharbeit mehrfach rechnet.

03

Welches Tool eignet sich am besten für Wireframes?

Für die meisten Teams ist Figma die beste Wahl, weil du vom Wireframe nahtlos ins Design und Prototyping übergehen kannst. Für schnelle Low-Fidelity Wireframes ist Balsamiq ideal. Für Team-Workshops bieten sich Miro oder FigJam an.

04

Was ist der Unterschied zwischen Wireframe und Mockup?

Ein Wireframe zeigt nur die Struktur — graue Kästen, Platzhalter, keine Farben. Ein Mockup zeigt das visuelle Design — Farben, Typografie, echte Bilder. Der Wireframe kommt zuerst und bildet die Grundlage für den Mockup.

05

Was ist der Unterschied zwischen Wireframe und Prototype?

Ein Wireframe ist statisch und zeigt die Struktur. Ein Prototype ist interaktiv und simuliert das Verhalten — du kannst klicken, scrollen und navigieren. Wireframes beantworten „Was steht wo?“, Prototypen beantworten „Wie fühlt es sich an?“.

06

Brauche ich immer einen Wireframe?

Nicht immer. Für einfache Seiten oder Template-basierte Projekte kannst du den Schritt überspringen. Sobald die Struktur unklar ist, mehrere Stakeholder beteiligt sind oder es sich um eine komplexe Anwendung handelt, sind Wireframes der effizienteste Weg, Klarheit zu schaffen.

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